PostHeaderIcon Chinesische Schriftzeichen

Ursprung und Frühgeschichte der chinesischen Schriftzeichen sind wie die des Volkes und der Sprache legendenumwoben. Vor urlanger Zeit, während des Goldenen Zeitalters, tauchte ein mit seltsamen Symbolen auf dem Rücken gezeichnetes Drachenpferd aus dem Gelben Fluß (Huang Ho) und offenbarte sie dem Fu-hi, dem ersten legendären Kaiser der Vorzeit. Dieser Potentat zeichnete sie auf und kam so in den Besitz jener mystischen Zeichen, die zum Gerüst des I KING, des ,Buches der Wandlungen' — eines der fünf kanonischen Bücher — wurden. Unter Huang-ti, dem dritten Kaiser der Vorzeit, schritt der Minister Tscang Kie auf dem Weg der Erfindung weiter und formte die ersten einfachen Schriftzeichen.
Sehen wir von der legendären Einkleidung ab, bleibt als Tatsache, daß die Tradition in China den Urbeginn der Schrift in der Zeit vor den frühesten Dynastien ansetzt, wobei jeder Hinweis auf eine fremde Herkunft fehlt. Der Sinologie fällt es nicht schwer, der chinesischen Tradition in diesem letzten Punkt zu folgen. Die Orakelinschriften aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. sind Zeugnisse einer schon entwickelten Schreibtechnik.

Das chinesische Schriftsystem ist ein sehr kompliziertes Produkt. Zunächst sind die chinesischen Schriftzeichen durchaus nicht alle nach gleichen Prinzipien gebildet: im Verlauf der vielen Jahrhunderte ihres Frühstadiums entwickelte sich die Schrift so, daß nicht weniger als drei Haupttypen von Zeichen entstanden, die sich in der Art und Weise ihrer Bildung unterschieden. Dann hat sich die Schrift natürlich auch äußerlich verändert. So wie wir unsere Buchstaben nicht mehr ganz so schreiben wie die Römer und die Mönche des Mittelalters, haben die Chinesen im Laufe der Zeit die Gestalt ihrer Schriftzeichen völlig verändert. Diese Entwicklung der äußeren Form fand ihren Abschluß erst zu Beginn unserer Zeitrechnung. Die früheste Stufe der chinesischen Schrift war das Nachzeichnen von Gegenständen.

Eine große Anzahl der gebräuchlichsten chinesischen Zeichen, gegenwärtig von Millionen verwendet, sind Bilder solcher Art, von den Chinesen ,Abbilder' genannt, und drei- bis viertausend Jahre alt. Sie sind häufig nicht zu verkennen, auch in ihrer heutigen Form, in anderen Fällen hoffnungslos verformt, und manche sind schon in ihrer ältesten uns bekannten Gestalt recht dürftig und wenig einleuchtend. Ihre Ausgangsformen müssen vollständigere, dann aber einfachheitshalber auf einige wenige Striche reduzierte Darstellungen gewesen sein.

Es würde nicht überraschen, wenn man jetzt einwendete, der Chinese besitze in dieser letztgenannten Kategorie von Verbindungen doch eine Art phonetischer Schrift, und folglich unsere Behauptung bestreite, die chinesischen Schriftzeichen zeigten letztlich den Sinn der Wörter und nicht deren Lautung an. Dieser Einwand ist jedoch nicht stichhaltig. Es ist richtig, daß während einer bestimmten Epoche der Geschichte der chinesischen Schrift diese in gewissem Maße eine phonetische war; jetzt ist sie es nicht mehr. In Sprachen mit einer Buchstabenschrift folgt die Schreibung mehr oder weniger eng der sich ändernden Aussprache. Als z. B. das Adverb faste (schnell) im älteren Englisch seine Endsilbe in der Aussprache verlor, wurde auch in der Schreibung das e fallen gelassen. Das heutige Englisch ist ja in dieser Hinsicht als konservativ bekannt, während z. B. die deutsche Schreibung mehr oder weniger treu dem Wandel der Aussprache gefolgt ist. Im Chinesischen gibt es keine Veränderungen. Die Schreibung der chinesischen Zeichen wurde ein für alle Male vor mehreren tausend Jahren festgelegt, und eine Modifikation der Schreibung parallel zu dem beträchtlichen Lautwandel, den die meisten Wörter durchgemacht haben, ist nicht erfolgt. Nur in seltenen Fällen bewahrt ein Lautangeber nach einer Entwicklung von vielen Jahrhunderten seine ursprüngliche Funktion.

Wenn also die "phonetische Schrift" schon in uralten Zeiten sehr primitiv war — da der Lautangeber und das Derivativum selten genaue Homophone waren und deshalb ersterer keinen eindeutigen Hinweis auf die Aussprache des letzteren gab —, um so unzuverlässiger ist sie durch die folgenden Lautveränderungen der letzten zwei- bis dreitausend Jahre geworden. Die Eigentümlichkeiten der chinesischen Schriftzeichen müssen die lexikalische Anordnung der Wörter zu einem sehr schwierigen Problem machen, und es werden verschiedene Methoden benützt. So gibt es Wörterbücher mit Anordnung nach Lauten, wie in den unsrigem. Der Chinese klassifiziert aber seine Wörter nicht wie wir nach den Anfangsbuchstaben, sondern zunächst nach dem Ton in vier große Gruppen, und dann innerhalb dieser nach Endlauten. Er faßt Wörter zusammen, die sich reimen, und in jeder Reim-Gruppe werden die Wörter nach Anlautkonsonanten eingeteilt. Es liegt auf der Hand, daß man in einem solchen phonetischen Wörterbuch ein Wort nur finden kann, wenn man seine Aussprache kennt, denn das Zeichen gibt nicht die Aussprache an, wie wir gesehen haben. Ein solches Wörterbuch kann nur dazu dienen, die Bedeutung derjenigen zusammengesetzten Wörter und Wendungen zu ermitteln, deren erstes Element ein schon bekanntes Wort ist. Um Zeichen aufzufinden, deren Aussprache nicht bekannt ist, muß man ein anderes Wörterbuch, benutzen (oder einen nach denselben Prinzipien angeordneten Radikal-Index, der den eben beschriebenen phonetischen Wörterbüchern gewöhnlich beigefügt ist). Wir haben gesagt, daß neun Zehntel aller chinesischen Schriftzeichen aus einem Sinnträger (Radikal) und einem Lautangeber bestehen, aber nur eine ganz beschränkte Anzahl von Bildern sind als Radikale gebräuchlich, wenig mehr als zweihundert, und diese erscheinen in einer Vielzahl von Verbindungen.